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Abusing Sylvia Patachronique 36Projectcell
Abusing Sylvia Example Patachronique 36Projectcell

ABUSING SYLVIA.

Digitale Miniatur

H. Bauer / J. R. Schabert

Wien, 2015

Abusing Sylvia Example Patachronique 36Projectcell

 

Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt. Zunächst, für einen Augenblick zumindest, der leere Raum, der Platz, wo das Ding gestanden, das Opfer gelebt hat. Es wird sich schon einer finden, der ihn braucht, ohne ihn einzunehmen.1

 

 

ABUSING SILVYA basiert auf einer Arbeit von H. Bauer aus dem Jahr 1984, implementiert in einem MOS Technology 6502-Environment.


Ausgehend von einem lyrischen Fragment2 der Autorin Sylvia Plath werden spezifische Worte gelöscht, andere bleiben erhalten und bilden so ein Grundgerüst, innerhalb dessen neue semantische Räume durch den schlichten Austausch der Vokabeln generiert werden.

Dieser Vorgang der Neuzuschreibung wird durch einen festgelegten Algorithmus automatisiert.


Dem Topos des Automatischen haftet, so animistische Bestrebungen unterbleiben bzw. er seinem Wesen nach erkannt oder erkennbar wird, zwangsläufig unbeseeltes an. Das Gedicht, dessen Beseeltheit uns konstitutiv erscheint, wird deanimiert. Der Platz, in dem man Lebendiges verortet, wird durch einen Automaten besetzt.

Mit dem Begriff des Automaten, geht auch ein im Allgemeinen maskulin konnotiertes Bedeutungssystem einher, dessen geschlechtsspezifische Zuschreibung nicht zur Gänze demontiert ist. Dementsprechend öffnet sich affekthaft der assoziative Raum des Virilen.

So wird der Automat zum Mittel einer mehrschichtigen Bemächtigungsstrategie.


ABUSING SYLVIA löst sich im selben Maß von Benjamins Idee des destruktiven Charakters, wie er sich ihm annähert:

Denn auch das Ergebnis der Maschine bleibt nicht erhalten, sondern wird durch sie selbst, bei jeder in Betriebnahme in stets Neues überführt. Der leere Raum, die Lücken gefüllt, ohne Anspruch auf Beständigkeit. Im Gegenteil: Ziel ist die fortwährende Modifikation, die Neuschöpfung ihr notwendiges Mittel.

Ebenso wie die Generierung von scheinbaren Sinnzusammenhängen oder viel mehr die Montage durch einen unbeseelten Autorenapparat, dem weder der konkrete Gehalt einzelner Worte noch das Syntagma etwas bedeutet bzw. bedeuten kann, sowie die Sinnzuschreibung durch den Rezipienten, der stets um das Erkennen von Mustern und deren Bedeutung bemüht ist.


Die Zerstörung durch den Automaten allerdings greift auf einer anderen, subtileren Ebene. Durch das Ersetzten der Vokabeln, die in einer bestimmten Intention von einem bestimmten Subjekt in einer spezifischen Abfolge montiert wurden, ''missbraucht'' die Maschine die Idee eines beseelten Bereichs, der ihr konstitutiv nicht eigen ist. Das stereotype Bild des Poeten oder auch jenes der Autorenschaft wird zerstört. Sie reduziert damit nicht lediglich auf der Ebene des schlichten Austauschs, sondern auch auf jener der Bedeutung. Wo letztere sich einstellt, sorgt der Rezipient für ihre Zuschreibung. Der unbeseelte Autor hat kein Verlangen nach Sinn und Zusammenhang.


Obgleich die Reproduktion des Originals nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil im Prozess selbst als denkbare Möglichkeit implementiert ist, mindert sich dadurch keineswegs der Generalangriff auf das Ausgangswerk. In diesem Fall würde das nur noch scheinbar (weil zufällig entstandene) Beseelte seiner konkreten Intention beraubt und stünde dann auf der selben Ebene wie alle anderen, durch den Algorithmus automatisch generierten Ergebnisse.


Die Repräsentanz des Werks als Programmcode ist nur konsequent. Sie trägt der zugrundeliegenden Idee der Entseelung auch auf der kognitiven Ebene der Rezeption Rechnung.


Jasmin Raphaela Schabert

 

 

 

 

1 Walter Benjamin. Der destruktive Charakter. Gesammelte Schriften IV.

2 Sylvia Plath. The Tour. Crossing the Water.